MEINE DEUTSCHE DEMOKRATISCHE KINDHEIT – Liona Sora 

Ilona_MDKindheit

…Eine überschaubare Kindheit in einer überschaubaren Gegend, in der das Leben ruhig dahinplätschert wie der kleine Fluss, der der Stadt ihren Namen gab. Die Erziehung im sozialistischen Elternhaus wird als etwas selbstverständliches erlebt. Die Protagonistin lebt in Übereinstimmung mit den Ideen und Vorbildern der sozialistischen Ideologie und fühlt sich aufgehoben und geborgen im Kreis derer, die für sie prägend sind…

EDITION EMIRO, 125 S., 12,90 € /
ISBN 978-3-00-048704-0

. . . Textauszug . . .

Wenn wir gemeinsam Filme vom Großen Vaterländischen Krieg sahen, fieberten wir alle mit, und es ging dabei immer laut zu. Es gab Ausrufe des Entsetzens sowie der Erleichterung und immer wieder aufgeregte Fragen danach, ob man es gerade mit einem „Guten“ oder mit einem „Bösen“ zu tun hatte. Und wenn ein „Böser“ zu Tode kam, war die Genugtuung groß. Die „Bösen“ waren in diesem Falle die deutschen Soldaten, und keinem von uns kam es in den Sinn, dass wir uns auf einer tieferen Ebene unsere Nichtexistenz herbeisehnten, denn Hartwig Sora, unser Vater, hatte als deutscher Soldat in diesem Krieg gekämpft und stellte somit für uns alle den Feind dar.

Der Film Wie der Stahl gehärtet wurde hatte  die verheerendste Wirkung auf mein kindliches Gemüt. Ich wurde darauf programmiert, daß das Leben nicht leicht und schön sein durfte, es mußte entbehrungsreich sein, und man hatte sein Leben, in den Dienst der großen Sache zu stellen, wenn nicht sogar zu opfern. Der Held Pawel Kortschagin sollte, mehr noch als all die anderen unser aller Vorbild sein. Seinen Imperativ sollten wir auswendig herunterbeten wie das Glaubensbekenntnis der evangelischen Kirche: Das Kostbarste was der Mensch besitzt, ist das Leben und er soll es so leben. …. daß er im Sterben sagen kann: Mein ganzes Leben und all meine Kräfte habe ich hingegeben für das Schönste der Welt – den Kampf um die Befreiung der Menschheit.

Lesung-Tgh